Ich bin extra früh aufgestanden, um ihn zu hören.

Live und nicht als Aufzeichnung auf einer Website.  Wie mir geht es wohl auch den anderen 12.000 Besuchern der Catalyst Conference in Atlanta. Der erste Redner dieses Morgens ist in der evangelikalen Szene ein Superstar. Doch Craig Groeschel kommt nicht. Leider sei sein Flug am gestrigen Abend wegen schlechten Wetters gestrichen worden, heißt es von der Bühne. „Aber wenn es irgendeinen Pastor auf der Welt gibt, der seine Botschaft trotzdem senden kann, obwohl er physisch nicht anwesend ist, dann ist das Craig Groeschel“, verkündet der Moderator von der Bühne. Kurz darauf erscheint Groeschel. Überlebensgroß auf dem riesigen Bildschirm. Als feststand, dass das schlechte Wetter in Oklahoma seine Anreise verhindern würde, ist er einfach kurz ins Studio von lifechurch.tv gefahren und hat seinen Vortrag aufgenommen – inklusive Pausen für den erwarteten Applaus.

Diese Macher-Mentlität hat Groeschel mit Sicherheit geholfen, dass lifechurch.tv sich zu einer der größten unabhängigen Kirchen der USA entwickeln konnte. Lifechurch gehörte zu den ersten, die Videos zu einem grundlegenden Instrument ihrer Pastoral machten. Eigentlich ist es aus der Not geboren. 2001 konnte Groeschel wegen der Geburt eines seiner Kinder nicht die Sonntagspredigt halten – also nahm er sie kurzerhand auf und sorgte dafür, dass sie im Gottesdienst gezeigt wurde. Die Gemeinde fand es großartig und schon bald wurden Predigten und Kurzfilme konsequent auch auf der Website lifechurch.tv verfügbar gemacht.

Durch die Pionierarbeit von Groeschel & Co hat sich eine neue Sozialform von Kirche in den USA entwickelt, die stark auf digitale Verkündigungsformen setzt und die langjährigen Trendsetter Saddleback und Willow Creek immer mehr verdrängt. crosspoint.tv aus Nashville ist ein Beispiel dafür. Ich besuche dort einen „Ausweichgottesdienst“ am Sonntagnachmittag, der nicht so voll ist wie die beiden am Morgen oder der am Abend. Dennoch wird natürlich das volle Programm gefahren. 5 Mal innerhalb der ersten 10 Minuten werde ich freundliche begrüßt, die Worship-Band ist professionell und gibt alles, natürlich predigt Lead Pastor Pete Wilson selbst und – natürlich wird der Gottesdienst live gestreamt.

Die Möglichkeit mit vergleichsweise geringem Aufwand qualitativ hochwertiges Filmmaterial zu produzieren erlaubt es Pete Wilson in allen Kirchen gleichzeitig predigen zu können. In den sogenannten satellite campuses, den Filialkirchen sozusagen, sind dann in der Regel nur Musik und ein sogenannter Campus Pastor, der durch den Gottesdienst führt, aber nicht predigt, denn das tut Pete per Live-Stream oder On-Demand-Video. Auch wenn es mir besser gefällt, ihn live zu hören – mehr als einmal habe ich mir seine oder Craig Groeschels Messages auch schon online angesehen. Ich bin nicht allein. Lifechurch.tv gilt derzeit als zweitgrößte Kirche der USA, mit knapp 40.000 Menschen die jede Woche am Gottesdienst teilnehmen. Entweder an einer der 19 physischen Locations oder virtuell im Netz.

Wie ist es eigentlich passiert, dass die Kirche aufgehört hat, das Epizentrum der Kreativität zu sein?

Craig Groeschel

lifechurch.tv

Kein Wunder dass Kirchen wie lifechurch.tv und Crosspoint aus allen möglichen Richtungen stark kritisiert werden. Erfolg gepaart mit dem innovativem Gebrauch von Technologie ruft bekanntlich Abwehrreaktionen hervor. Doch Groeschel und sein Team waren nicht nur für Kirchenverhältnisse dicht am Puls technischer Innovationen. Wenige Wochen bevor Apple im Frühjahr 2008 seinen AppStore eröffnete, arbeiteten sie schon an einer Bibel-App – ohne genau zu wissen, wie eine App eigentlich funktionierte. Bis heute ist die YouVersion-App 150.000.000 Mal heruntergeladen worden. Mit der Website mysecret.tv eröffnete Groeschel eine Art Online-Beichtmöglichlkeit. Bei seiner Message in Atlanta stellt er genau die Frage, die mich auf die Spur dieses Projektes über pastorales Storytelling gesetzt hat: „Wie ist es eigentlich passiert, dass die Kirche aufgehört hat, das Epizentrum der Kreativität zu sein?“ Denn das war sie für lange, lange Zeit. Groeschels leidenschaftliche Suche nach neuen Formen der Verkündigung wirkt extrem aktivierend und er hat noch einen guten Rat für alle, die das auch tun wollen: „Hab keine Angst davor zu scheitern. Wenn nicht ab und zu jemand sich über die Art aufregt, wie ihr Menschen von Christus erzählt – dann tut ihr es wahrscheinlich auch nicht wirklich“.