Confessions on stage

Das Café Mustache in Chicago. Eine Hipster-Bar wie aus dem Lehrbuch. Es gibt veganes Chili, Vinylplatten von lokalen Künstlern und einmal im Monat einen Storytelling-Abend. Anders als bei einem Poetry-Slam ist das hier kein Wettbewerb und es geht auch nicht darum, besonders witzig zu sein. Hier erzählen einfach sieben Leute jeweils eine Geschichte. Sie kann fiktional oder selbst erlebt sein, Kurzgeschichte, Comedy oder Drama. Das Besondere an diesem Abend: Alle Künstler sprechen jeweils über eine der sieben Todsünden.

Fast alle Erzähler betonen an irgendeiner Stelle ihrer Geschichte, dass sie ja nicht besonders religiös seien – und deswegen ja eigentlich nicht wirklich an so etwas wie „Sünde“ glaubten. Ihre Geschichten sind allerdings voll von Situationen, in denen der Zorn, der Neid oder die Gier schlechte Folgen hatte – selbst wenn sie heute über manche davon schmunzeln können. Aber längst nicht alle Erzählungen hier sind lustig. Zum Beispiel wenn Kevin eindrücklich schildert, wie sein Zorn ihn fast aufgefressen hat, als sein alkoholkranker Vater sich selbst auf dem Sterbebett noch wie ein Arschloch benommen hat, und wie dieser Zorn ihn dazu brachte Dinge zu tun, die er normalerweise nie tun würde. Vergebung wie bei der Beichte erhofft auch er sich nicht. Aber seine und die anderen Stories sind Denkanstöße für meine eigenen Erfahrungen mit Sünde, mit Handlungen und Verhaltensweisen, die nicht frei, sondern unfrei machen. Ein postmoderner Beichtspiegel sozusagen.