Ein Herz für Underdogs.

Brian Hoyer konnte einem leid tun. Der Quarterback hatte die Cleveland Browns, das fast schon chronisch erfolglose Football-Team aus Ohio, im vergangenen Herbst zu einer überraschenden 3-0-Siegesserie geführt. Kurz vor Ende des dritten Spiels wird er von einem Verteidiger erwischt. Ein Kreuzbandriss beendet seine Saison. Im Frühjahr drahten die Browns ausgerechnet Johnny Manziel, der schon am College die Massen durch seine spektakulären Aktionen verzückt hat. Die Fans in Cleveland rasten aus. Der Verkauf von Manziel-Trikots bricht alle Rekorde und alle rechnen damit, dass ein neues Zeitalter in Cleveland anbricht. An Brian Hoyer, das Hometown Kid, der ganz in der Nähe von Cleveland aufgewachsen ist, denkt plötzlich keiner mehr. Selbst als der Coach ihn und nicht den Rookie Manziel zum Stammquarterback ernennt, gehen fast alle Experten davon aus, dass Hoyer sich entweder verletzen wird oder aus sportlichen Gründen im Lauf der Saison dem jungen Footballwunder wird weichen müssen.

Geschichten wie die von Brian Hoyer sind es, die Thomas Lake schon immer am Sport interessiert haben. Der 34jährige schaut nicht nur selbst gern Spiele im Stadion an. Es ist auch Teil seines Berufs. Lake schreibt für das vielleicht wichtigste Sportmagazin der Welt, die „Sports Illustrated“. Seine Spezialität sind nicht etwa Live-Übertragungen oder Spielzusammenfassungen, er schreibt über die Hintergründe des Sports, die Schicksale der nicht ganz so erfolgreichen oder die Schattenseiten der Spiele.

Wir treffen uns an einem ungewöhnlichen Ort. Lake hat wenig Zeit, schlägt mir aber vor, einen Kaffee zu trinken während seine kleine Tochter beim Ballettunterricht ist. Man merkt ihm an, dass er nicht gewohnt ist, Fragen gestellt zu bekommen, dass er lieber selbst in der aktiven Rolle ist. Ein bisschen misstrauisch ist er vielleicht auch, was dieser junge „pastor“ aus Germany genau von ihm will. Mit der Zeit taut er jedoch auf und erzählt sowohl von seinem Vater, der auch Pastor war, wie auch von seinen frühesten Sporterfahrungen beim Baseball der Atlanta Braves. Unser Gespräch pendelt zwischen Sport und Glauben hin und her. Beides sucht man sich nur sehr begrenzt aus. Als Kind war es für Lake so selbstverständlich, sonntags in die Kirche zu gehen, wie Fans der nicht sonderlich erfolgreichen Teams aus Atlanta zu sein, der Falcons, Braves und Hawks.

„Ich mag Underdogs. Wenn man Fan eines Teams ist, von dem sowieso jeder erwartet, dass es gewinnt, ist es doch nicht spannend“

Thomas Lake

Sportjournalist

Nicht auszuschließen, dass diese Vorliebe auch aus der Vertrautheit mit der Bibel kommt. Die ist schließlich voller Underdogs, denen mit Gottes Hilfe das Unfassbare gelingt. David, Moses, das Volk Israel überhaupt. Und natürlich Jesus und die, die ihm nachfolgen. Was gute Geschichten ausmacht, frage ich Thomas Lake.

„In allen guten Geschichten geht es letztlich um Leben und Tod“

Thomas Lake

Ein paar Tage später sitze ich im Stadion von Nashville und sehe Brian Hoyer zu. Er und sein Team spielen eine unterirdische erste Hälfte und liegen kurz vor der Pause 28:3 zurück. Neben mir fragen sich die Fans der Heimmannschaft, ob nun nicht endlich mal Johnny Manziel aufs Feld kommen kann, damit es wenigstens unterhaltsam wird. Aus dem Oberrang, wo ich sitze, ist nicht zu erkennen, was sich ändert. Aber nach der Pause spielen plötzlich nur noch die Gäste aus Cleveland. Ihnen scheint nun alles zu gelingen. Sekunden vor Schluss wirft Hoyer seinen dritten Touchdown-Pass des Tages. Cleveland gewinnt 29:28. Es ist die größte Aufholjagd in einem Auswärtsspiel in der Geschichte der NFL. Talk about Underdogs.