Acht Uhr morgens.

Es ist eine zeitlang her, dass ich so früh eine Messe besucht habe. Die Osternacht ausgenommen. Aber wenn man mit einem Kleinkind reist, ist um acht Uhr schon wieder „nap time“. In Chicago wohne ich noch näher an der Kathedrale als Zuhause in Aachen – und das heißt schon was. Es ist Montagmorgen. Ein Feiertag. Kein religiöser, sondern „Labor Day“, der immer auf den ersten Montag im September fällt.

Die Holy Name Cathedral von Chicago dient gleichzeitig als Pfarrei für Downtown Chicago. An einem normalen Werktag werden die Frühmessen um 6 Uhr, 7 Uhr und 8 Uhr vor allem von Leuten besucht, die auf dem Weg ins Büro noch schnell zur Messe flitzen. Das ist heute anders, aber trotzdem sind etwa 100 Menschen gekommen. Die katholische Kirche in den USA ist – natürlich – eine Einwandererkirche, die sich immer noch verändert: Die Rektoren der Kathedrale waren durchweg Iren. Sie hießen Conway, O’Donnell oder Kinsella. In der Messe wird besonders für Verstorbene mit polnisch klingenden Namen gebetet. Und fast alle jüngeren Katholiken in diesem Gottesdienst sind Asian Americans oder Filipinos.

Ein alter Priester steht der Messe vor. Schon der Weg zum Ambo ist für ihn beschwerlich, aber seine Stimme ist kraftvoll genug, dass man ihn auch ohne Mikrofon einigermaßen versteht. Gesungen wird hier nicht. Statt in einen Organisten investiert diese Innenstadtpfarrei in einen Sicherheitsmann, der den ganzen Tag an einem Schreibtisch im hinteren Teil der Kirche sitzt und auf die Überwachungsbildschirme starrt. Das ist der Preis dafür, dass die Kirche für die Betenden offen stehen kann. Eine knappe halbe Stunde dauert die Messe – inklusive Predigt. Normalerweise ärgere ich mich, wenn die Liturgie so heruntergebetet und einfach nur pflichtmäßig abgehandelt wird. Heute stört es mich nicht. Ich suche nicht die große Inspiration, sondern will – ganz old-school –  für jemanden beten, um den ich mir momentan Sorgen mache.

Die Predigt ist kurz und einfach: „Gottes Schöpfung war nicht perfekt. Er hat uns Arbeit übrig gelassen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wir alle sind abhängig von der Arbeit anderer. Bauern, Lebensmittelhändler, Köche, Ärztinnen, Pflegern. Wir beten heute besonders für die, die mit ihrer Arbeit unser Leben ermöglichen.“ Eine leicht verständliche Message.  Ich habe den Eindruck, dass jeder, der hier in der Bank sitzt, damit etwas anfangen kann: Du bist immer auf andere angewiesen, die durch ihre Arbeit dein Leben ermöglichen. Dafür solltest du dankbar sein und dich dafür einsetzen, dass auch diese Menschen von ihrer Arbeit leben und sich versorgen können. Ich frage mich, ob der ansonsten sehr sympathisch wirkende Priester die Rolle des Gebets wirklich so traditionell versteht. Eben auch als Teil dieses Systems aus Geben und Nehmen. Andere ackern auf dem Feld. Wer Zeit hat, betet für sie.

Nach der Messe steige ich, argwöhnisch beäugt vom Wachmann, in die kleine Krypta hinab. Hier sind nicht nur die Toiletten und ein Brautzimmer untergebracht, sondern auch ein kleiner Marienaltar mit Kerzen – die man per Knopfdruck „entzünden“ kann. Amerikanischer Pragmatismus auch hier: Kurz beten, Knöpfchen drücken – und das Birnchen brennt. Für heute reicht mir das.