„Das ist keine Geschichtsstunde. Es ist eine Geschichte über Unabhängigkeit und Handwerkskunst“. Da ist er wieder der Unterschied zwischen Geschichte und Geschichten, zwischen history und story. Diesmal begegnet er mir in einer Kleinstadt in Tennessee an einem sonnigen Spätsommertag. Er begrüßt die Besucher am Eingang zum einzigen Ort, der einen Touristen in diese Gegend locken kann: Der Destillerie von Jack Daniel’s.

Für Unternehmen ist Storytelling mittlerweile ein wichtiges Instrument ihrer Kommunikationsstrategie. Menschen reagieren stärker auf narrative Inhalte als auf nüchterne Fakten. Und so sehe ich bei der Führung nicht nur, wie man Tennessee Whiskey herstellt und was ihn vom Bourbon unterscheidet, ich höre auch wie Jack Daniel himself sich den Fuß an seinem eigenen Tresor brach und jahrelang nicht damit zum Arzt ging, weil er weiterarbeiten wollte und wie die Originalrezepte 29 Jahre Prohibitionszeit im Staat Tennessee überlebten.

Gerade für die katholische Kirche spielt es eine große Rolle, wie von ihrer eigenen Geschichte erzählt, von den unzähligen Glaubensgeschichten der Menschen vor uns. Wie schwierig das zuweilen ist, zeigen zwei Fotos aus dem Buchladen des National Shrine in Washington: Da ist zunächst dieses T-Shirt. Das kann man lustig finden, theologisch ist es aber Unsinn, weil natürlich auch für die evangelikalen Kirchen ein Unterschied zwischen zwischen universaler Kirche und lokaler Kirche (in Deutschland würde man von „Gemeinde“ sprechen) besteht – zumindest bei denen, die mir hier begegnet sind. Die jeweilige Gründung bezieht sich natürlich nur auf die Gründung von Kirche im Sinne von Gemeinde an einem bestimmten Ort. Streng genommen wäre der katholische Vergleichspunkt hier also die Gründung der Erzdiözese Washington als Ortskirche – und die datiert ins Jahr 1939. Ups…

Von einer Kirche mit 2000jähriger Geschichte darf man allerdings erwarten, dass sie entweder das ganze reiche Erbe ihrer Tradition abzubilden versucht oder wenigstens Erfahrung damit hat, die jeweils zeitgenössischen kreativen Ausdrucksweisen als Mittel zur Verkündigung nutzen will. Wie schwierig das ist, zeigt das zweite Bild.

Die Georgetown University geht ganz anders mit ihrer Geschichte um. Die älteste katholische Universität Amerikas versteht ihr vor allem von Jesuiten geprägtes Erbe als Orientierung für die gegenwärtige Gestaltung des gemeinsamen Lebens und Lernens. Die multireligiöse Gesellschaft Washingtons zeigt sich natürlich auch auf dem Campus – und in der Hochschulseelsorge. Dort arbeiten neben katholischen und evangelischen Seelsorgern auch eine Rabbinerin, ein Imam und seit neuestem eine Seelsorgerin für Hindu-Studierende.

In Georgetown wird es nicht so klar ausgedrückt wie bei Jack Daniel’s, aber auch hier wird die eigene Geschichte nicht einfach eingefroren, sondern man überlegt: Was hat uns in der Vergangenheit ausgezeichnet. Das ist bei den Jesuiten die Erfahrung im Kontakt mit anderen Kulturen und die akademische Exzellenz. Und beides wird – in verändertem Kontext – eingebracht. Da passiert das, was die großartige Nadia Bolz-Weber so beschrieben hat: Du musst in der Tradition tief verwurzelt sein, um mit Integrität innovativ sein zu können.

 

„You have to be deeply rooted in tradition in order to innovate with integrity.“

 

Nadia Bolz-Weber / @sarcasticlutheran