Holy food for holy people.

Es fühlt sich an wie nach Hause zu kommen. Oder wie ein Essen bei guten Freunden. Dabei kenne ich niemanden in St. Lydia’s. In dem kleinen Raum, der eigentlich das Brooklyn Zen Center beherbergt sind die Leute so gastfreundlich, dass ich schnell ins Gespräch komme. Es hilft natürlich, dass beim Vorbereiten des Gottesdienstes genug zu tun ist. Hier müssen nicht nur ein paar Kerzen angezündet, sondern auch der Tisch gedeckt und die Suppe umgerührt werden.

Wir verteilen uns um drei Tische, und nach Brot und Traubensaft – denn das Zen Center erlaubt keinen Alkohol – teilen wir auch das Linsencurry und den Salat miteinander. Und ein Stück von unserem Leben. Nach dem Essen beginnt Emily, die lutherische Pastorin ist, ihre Predigt über eine Stelle aus dem Buch Levitikus. Da ist die Rede von der Gastfreundschaft gegenüber Fremden. Wie gleichberechtigte Bürger solle man sie behandeln, heißt es da. Denn auch Israel war einmal fremd in Ägypten. Sie lädt ein, von persönlichen Erfahrungen mit Immigration zu erzählen. In New York fällt das nicht schwer. Fast jeder hier ist entweder selbst eingewandert oder hat Eltern oder Großeltern, die genau wissen wie man sich als Fremder in einem neuen Land fühlt. Immer wieder sprechen Einzelne auch von den schrecklichen Zuständen an den amerikanischen Grenzen, während ich an überladene Flüchtlingsboote im Mittelmeer denken muss. Die biblische Geschichte als prophetisches Wort, die persönliche Erfahrung und die politischen Zustände in der Gesellschaft – so oft erlebe ich, dass nur zwei dieser Dimension in der kirchlichen Verkündigung berücksichtigt werden. Hier greifen alle drei ineinander.

St. Lydia’s nennt sich „Dinner Church“. Der Gottesdienst der kleinen Gemeinschaft wird als eine Art liturgisches Abendessen gefeiert. Und liturgisch ist es hier, ganz anders als bei den Evangelicals, wo die Worshipmusik und die Predigten im Late Night Talk-Stil einen schon mal umhauen können. „The Lord be with you“ singt Emily Scott, die junge Pastorin zum Grundton einer Shrutibox. „And also with you“ antwortet die Gemeinde, die heute Abend aus gut 30 Personen besteht. Die jüngsten sind 12, die ältesten sicherlich über 60 Jahre alt. Zu meinem Gefühl der Vertrautheit trägt natürlich bei, dass mir ständig liturgische Elemente begegnen, die ich aus der katholischen Eucharistiefeier kenne. Für St. Lydia’s ist das hier auch eine Eucharistiefeier, wie sie auf ihrer Website schreiben. Deren ursprünglicher Charakter eines echten Abendmahls komme in dieser Form deutlicher zum Ausdruck.

Noch vor dem Segen wird alles aufgeräumt. Jeder bekommt eine Aufgabe, jeder ist irgendwie Ministrant und räumt was weg. Zwischendurch wird Nachtisch von einem kleinen Tisch stibitzt. „St. Lydia’s ist eine Gemeinschaft von Menschen, die die Geschichte von Christi Tod und Auferstehung immer und immer wieder erzählt“, sagt Emily, bevor ich mich verabschiede. Und sie bringt Menschen dazu, von ihrer eigenen Geschichte mit Gott zu erzählen. Ein leckeres Essen ist dafür Fall ein guter Anfang.