Wir lassen Chicago hinter uns.

Die Häuser halten jetzt mehr Abstand voneinander, die Autos werden noch größer, die Rasenflächen grüner. Welcome to the suburbs. Hier wohnen die, denen das urbane Leben zu anstrengend geworden ist. Es wird hier bürgerlicher – „…and more Republican“, wie Peter grinsend bemerkt. Wir biegen ab auf einen Parkplatz. Vor uns liegt ein Gebäudekomplex, der auch gut und gerne als kleiner College Campus durchgehen würde. Es ist aber eine Kirche: Die Willow Creek Community Church.

Der Eingangsbereich sieht genauso wenig nach traditionellem Kirchengebäude aus wie das 7.500 Menschen fassende Auditorium. Hier gibt es Cafés und Essensstände, einen großzügigen Aufenthaltsbereich, von dem aus man den Gottesdienst auf einem Big Screen verfolgen kann. Besonders Leute, die neu sind, und sich nicht direkt in den „richtigen“ Gottesdienst trauen, haben hier die Chance, erstmal einen Eindruck zu bekommen. Auch Familien  sitzen hier – wenn die Kinder nicht in einem der 5(!) nach Altersgruppen gestuften Kindergottesdienste untergekommen sind. Anders in Deutschland, wo die Caritas oft ausgelagert ist, gehört das „Care Center“ bei Willow fest dazu. Hier sieht nichts nach Suppenküche und Kleiderkammer aus. Die Läden, in denen Arme Kleidung und Essen bekommen, sehen eben genau so aus: wie ganz normale Läden.

Eingangsbereich der Willow Creek Community Church

Das Care Center - Caritatives Zentrum von Willow Creek

Ein kleiner Supermarkt - Ohne Suppenküchenfeeling

Kinderbekleidung wie in einer normalen Mall

Im Gottesdienst steht schon viel im Zeichen des 40jährigen Jubiläums von Willow Creek. Der Prediger erinnert daran, wie diese Kirche 1975 aus der Schulpastoral einer anderen Kirche heraus gegründet wurde. Passend dazu gibt es einen Einspieler über fünf Jugendliche, die nach dem Sommercamp nun endlich bereit waren, „to surrender everything to Christ“ („sich Christus ganz hinzugeben“). Das klingt nicht nur für deutsche Ohren gewöhnungsbedürftig. Auch unser amerikanischer Begleiter schaut skeptisch. Aber auch wenn ich inhaltlich hier meine Bedenken haben: Wie in dieser technischen und ästhetischen Qualität ein Ereignis aus der Jugendarbeit in die Gemeinde hinein kommuniziert wird – das beeindruckt mich schon sehr.

Das eingespielte Video kannst du dir hier ab Minute 16:08 ansehen. Es öffnet sich in einem neuen Fenster.

Bei der Predigt geht es mir ähnlich. Die Message ist ziemlich simpel und wird gefühlt 20 mal wiederholt. „Sei ein Botschafter für Christus“. Lang und breit erklärt der Prediger, was einen guten Botschafter von einem schlechten unterscheidet. So penetrant, dass es mich nervt. Die Menge scheint es zu mögen. Es wird viel gelacht und mit dem Kopf genickt. Als ich im Nachhinein erfahre, dass jeder Satz geübt, jede „spontane“ Gefühlsregung gescriptet und einstudiert ist, wundert mich das kaum.

Noch immer gilt Willow Creek als eine der größten Kirchen der USA, mit etwa 20.000 Gottesdienstbesuchern während eines Wochenendes. Nicht alle davon sind registrierte Mitglieder – und damit direkte finanzielle Unterstützer. Lange Zeit kamen viele Katholiken aus den Stadtrandgemeinden Chicagos zu Willow Creek. In den letzten Jahren kehren jedoch viele zu den katholischen Gottesdiensten zurück, weil sie bei Willow die Sakramente vermissten. Nicht wenige sind nun in zwei Gemeinden gleichzeitig aktiv. Sie gehen in die katholische Pfarrei zur Messe, ihre Kinder gehen dort zur Erstkommunion und Firmung – und sie gehen zu Willow, weil sie dort eine extrem starke Willkommensstruktur, großes Freiwilligenengagement und eine hohe Relevanz des Glaubens für ihr alltägliches Leben erfahren. Ich frage mich, ob Kirchen auch das beste von beiden Ansätzen in sich vereinen könnten: Wie bringt man Ästhetik und Relevanz mit Authentizität zusammen?

Foto: Simon Hesselmann (der übrigens unter www.ecclesiopreneurship.com großartige Dinge aus Chicago bloggt)