Postmoderne Kirchenfenster

 

Mitten in Washington ist vor einigen Jahren die National Community Church entstanden, die vor allem für ein starkes „Digital Ministry“ bekannt ist. Im kircheneigenen Ebeneezer’s Coffeehouse habe ich Andy Pisciotti getroffen. Er arbeitet als Visual Storyteller für NCC.

Andy, was ist das Besondere an der National Community Church und wieso spielt Video so eine große Rolle bei euch?

Am Anfang hatte NCC (National Community Church) keine eigenen Räume. Also haben Mark Batterson (Gründer und Lead Pastor von NCC) und sein Team einen Kinosaal mitten in Washington angemietet und dort mit ihren Gottesdiensten begonnen. Sie wollten vor allem junge Berufsanfänger ohne Kirchenerfahrung ansprechen. Ihre Erfahrung ist, dass es diesen Leuten deutlich leichter fiel, den ersten Schritt zum Gottesdienst zu machen, wenn er in einer ihnen vertrauten Umgebung stattfand. Irgendwann dachten wir dann: Wieso nutzen wir eigentlich nicht die Riesenleinwand, die hier sowieso ist, um unsere Botschaft besser zu verkünden. Seitdem haben wir viel audiovisuelles Material im Gottesdienst. Das ermöglicht es uns auch, dass alle unsere Gemeinden am Sonntag die Predigt von Mark sehen können, denn er kann nicht überall live sprechen.

Du bist seit knapp 5 Jahren hier in Washington. Wie genau sieht dein Job bei NCC aus?

Im Grunde bin ich einfach der Video-Typ. Ich bin für die Produktion und das Management aller audiovisuellen Formate zuständig. Das sind natürlich vor allem Predigten und Gottesdienstaufnahmen, aber wir arbeiten auch immer wieder an Testimonials oder auch an Kurzfilmen. Manchmal können wir eine Predigtserie, die bei uns laufen soll, auch mit einem Teaser unterstützen, aber oft wird das erst relativ kurzfristig festgelegt – und gute Videos brauchen Zeit für Vorbereitung, Shooting und Editing.

In Deutschland werden selbstproduzierte Videos noch nicht oft von Kirchen verwendet. Wie professionell ist euer Equipment und wie viele Leute sind an der Produktion solcher Videos beteiligt?

Das ist unterschiedlich. In unserer Digital Media Abteilung arbeiten außer mir auch ein Fotograf und ein Grafikdesigner und natürlich gibt es viele Freiwillige aus unserer Kirche, die Spaß haben, bei solchen Projekten mitzumachen. Aber auch wir Angestellten haben uns das Know-How größtenteils selbst beigebracht. Unser Equipment hat sich natürlich über die Jahre angesammelt. Wir müssen nicht jedes Jahr neue Beleuchtung oder neue Kameras kaufen. Aber im Grunde filmen wir auch „nur“ mit guten Digitalkameras. Für unsere Zwecke und Mittel wären echte Filmkameras nicht machbar – wir sind aber qualitativ auch nicht darauf angewiesen, weil man auch mit guten DSLRs richtig coole Filme machen kann.

Was müssen Kirchen berücksichtigen, wenn sie mit ihren Videos nicht nur Gottesdienste streamen, sondern auch eigene Stories kreieren wollen?

Es ist schon überraschend, dass wir in den USA so eine riesige christliche Musikszene haben, aber bislang kaum eine christliche Filmszene. Dabei entdecken selbst die großen Hollywoodstudios gerade, dass biblische Geschichten wie „Noah“ oder „Exodus“ richtig gut ankommen. Die meisten „christlichen“ Filme sind aber einfach nicht gut, weil sie beim Schreiben die Message über die Story stellen. Natürlich wollen wir eine bestimmte Botschaft vermitteln, aber wenn die Story vorhersehbar und langweilig ist, dann wird es auch kein guter Film. Eine gute Story braucht echte Konflikte.

Was kannst du aus deiner Erfahrung anderen Kirchen sagen, weshalb es sich lohnt, Videos für die Verkündigung zu benutzen?

Wir merken einfach, dass es Leuten hilft, das Evangelium besser zu verstehen und Jesus näher zu kommen. Unser Pastor Mark sagt immer: „Wir verstehen Bildschirme als eine Art postmodernes Kirchenfenster“. Wenn bei uns getauft wird, bitten wir die Täuflinge immer um ein Testimonial, um ihre Story. Das sind so eindrückliche Geschichten und wir hören immer wieder, dass sie auch für Leute ermutigend sind, die erst dadurch neu zur Kirche dazukommen.