„Do not enter. Show in progress“.

Der erste Satz klingt nicht nach Herzlich Willkommen. Schon eher nach Amerika-Klischee. Alles nur Show. Keine Substanz. Hätte ich mich von dem Schild mit dieser Aufschrift abschrecken lassen, ich hätte ihnen unrecht getan. Denn die Kirche, die ich besuchen möchte, ist nur zu Gast hier. Sonntagabends hat die City Beautiful Church eine Kleinkunstbühne im Zentrum von Orlando angemietet. Der Satz steht auf einem Metallschild an der Tür zum Bühneneingang. Dort muss man vorbei, um an eine kleine Bar zu gelangen, wo es erstmal Kaffee umsonst gibt und die Leute vom 18-Uhr-Gottesdienst noch zusammensitzen und reden.

Und auch die Sache mit dem Welcoming erledigt sich bald. Paul spricht mich an, als ich in einem der Klappsitze Platz genommen habe. Ob neben mir noch frei ist. Wir sind schnell im Gespräch und ich bin etwas überrascht als Paul zwar zögernd, aber erstaunlich offen von seinen Suchtproblemen erzählt und dass er lange gebraucht hat, um wieder hierher zurückzukommen. Denn eigentlich ist City Beautiful seine „home church“. Aber er wusste lange nicht, ob hier Platz für seine Probleme ist. Die einsetzende Musik bricht unser Gespräch ab. Rund 100 Leute sind in dem kleinen Theater. Es ist der zweite Gottesdienst an diesem Abend und nur wenige Besucher sind älter als 40 Jahre.

Die Predigt hält heute Abend Scott Evans. Der startet gleich mit einer 1a-Storytelling-Lesson aus den Batman-Filmen der 50er. Die beginnen meistens mit einem Bösewicht, der einen Anschlag auf Gotham City vorbereitet. Und direkt nachdem das Gift ins Grundwasser gekippt wurde kommt ein weicher Schnitt und die Erzählerstimme beginnt: „Meanwhile at Wayne Manor“ und wir sehen Bruce Wayne alias Batman wie er etwas scheinbar Unwichtiges tut, das aber – wie sich später herausstellt – schon der erste Schritt zur Beseitigung der kommenden Bedrohung ist. Beim Zuschauer ist klar: Irgendwo entsteht ein Problem für die Allgemeinheit, aber zum selben Zeitpunkt beginnt schon die Veränderung bei einem einzigen Menschen und dadurch entsteht Hoffnung für alle . Scott steigt dann tief ein in die Geschichte von Moses und schafft es, sie mir so zu erzählen, wie ich sie noch nie gehört habe. Moses, der als gesuchter Mörder aus Ägypten nach Midian geflohen ist, kniet vor dem brennenden Busch und sucht wirklich jede nur denkbare Ausrede, um diesem völlig verrückten Auftrag Gottes nicht folgen zu müssen.

Wieso ausgerechnet ich? Was, wenn sie mir nicht glauben? Ich kann überhaupt nicht gut vor Leuten reden! Klingt vertraut? Bis hierher schon und tatsächlich hat wohl kaum einer aus der Menge Mühe sich an Situationen zu erinnern, in denen er auch alles versucht hat, um einem ungeliebten Job zu entgehen – weil man sich einfach wie ein Idiot gefühlt hat, der es nicht hinbekommen wird. Das kommt bei Gott öfter vor, meint Scott:

„Gott arbeitet ständig mit Idioten zusammen. Das ist so ziemlich die einzige Voraussetzung, die er hat. Seine Standards sind eigentlich überraschend niedrig“.

Scott Evans

@notscottevans

Während Scotts Predigt wird viel gelacht. Es gelingt ihm, in anderthalb Sätzen von einem guten Witz zu einer tiefen und berührenden Einsicht zu gelangen, die jeden gedanklich zur eigenen Lebenserfahrungen führt. Die Verbindung zwischen Leichtigkeit und Tiefe schafft er durch seine eigene Biografie. Er arbeitet als anglikanischer Jugendseelsorger in Irland, einem Land also, das fast jeder zwischen 18 und 30 verlassen will, weil es keine Jobs gibt. Und er kann gut davon erzählen, wie er sich selbst so ähnlich wie Moses gefühlt hat, als er den Auftrag erhielt, in 150 Pfarreien Jugendpastoral aufzubauen. Wie er in seinem Apartment über einem Supermarkt saß und dasselbe sagte wie Moses: „Herr, bitte schick’ jemand anderen“.

Und dann kommt der Kniff: Warum hat Gott ausgerechnet Moses geschickt? Scott zeigt eine Landkarte: Um von Ägypten nach Midian zu fliehen, muss man quer durch die Wüste. Moses hat den Weg schon hinter sich, den er jetzt nochmal mit dem Volk Israel gehen soll. Er musste erst ins Exil, um den Exodus möglich zu machen. Moses ist wie Batman in den alten Filmen. Sein Leben ändert sich und dadurch gewinnt er eine Erfahrung, um etwas extrem Notweniges für andere zu tun. „Erlaube dir, dein Leben so zu sehen, dass die Erfahrung die du machst auch so ein „meanwhile“ ist. Dass Gott dich erst dadurch in die Lage versetzt, für andere eine Hilfe zu sein, weil du das alles schonmal durchgemacht hast.“

Nach der Predigt gibt es wieder Musik. Man kann nach vorne gehen und dort jemanden für eigene Anliegen beten lassen. Ich sehe, wie Paul sich sammelt und dann zögernd nach vorne geht. Ich kann nicht hören, worum er bittet. Aber vielleicht hat er es mit Scotts Hilfe geschafft, in seiner eigenen Geschichte auch ein „Meanwhile“ zu erkennen.