datei-28-11-16-11-50-13Oder: Wie die Kirche wieder lernt, gute Geschichten zu erzählen.

I. We lost the story

Es war keine gewöhnliche Nacht, damals während meines Freisemesters in Dublin. Anstatt in einem Pub verbrachte ich die Nacht in der Kirche, die – auch anders als üblich – aus allen Nähten platzte: Osternacht. Von allen Osterpredigten, die ich bislang gehört habe, ist mir nur diese immer noch im Gedächtnis. Fr. Robert atmete hörbar durch nach den vielen Lesungen aus dem Alten Testament. „People somehow lost the story“, war sein erster Satz. Und er meinte damit, dass viele Menschen emotional sehr empfänglich für die Botschaft der Auferstehung seien. Nur: Sie haben die entsprechende Geschichte dazu verloren, die ihnen zeigt, was das eigentlich für ihr Leben bedeuten könnte. Dafür machte Fr. Robert nicht die Leute selbst verantwortlich. Sondern sich und alle, die als Christinnen und Christen glauben, dass das Evangelium „the greatest story ever told“ ist.

Es gab diese Zeit, als die Kirche ziemlich viel Energie ins Erzählen von Geschichten investiert hat. Eigentlich war es sogar eine ziemlich lange Epoche. Immer wieder dachten sich Christinnen und Christen originelle Formate aus, mit denen sie ihren Zeitgenossen von ihrem Glauben erzählen konnten. Zum Beispiel durch die Architektur berühmter Kirchengebäude. Oder durch die bunten Kirchenfenster, die das Drama der Bibel- und Heiligengeschichten darstellten. Oder das religiöse Theater der Jesuiten. Oder die Verbindung der Epiphaniegeschichte mit dem Eine-Welt- Gedanken in der modernen Sternsingeraktion.

Das Erzählen von dem, was Christinnen und Christen glauben, scheint mir derzeit kein Aushängeschild der christlichen Kirchen zu sein. Viele Gemeinden haben zwar ein starkes liturgisches oder diakonisches Profil. Aber welche Pfarrei legt etwa ganz bewusst den Schwerpunkt auf Verkündigung, auf die Artikulation von Glaubenserfahrungen in der Sprache von heute? Wo werden überhaupt von Christinnen und Christen spannende religiöse Geschichten erzählt, die weder ästhetisch noch dramaturgisch abfallen gegenüber dem, was wir sonst gewohnt sind von Netflix, youtube, Videospielen oder populärer Musik?

Es gibt tatsächlich solche Orte. Und viele davon liegen in den USA. Wo Gemeinden, anstatt den dritten Aushilfsorganisten anzustellen, einen Rock- oder Popmusiker als „artist in residence“ mit einem monatlichen Sockelbetrag unterstützen, damit er dabei hilft, auch moderne Gottesdienste ansprechend zu gestalten. Oder ein Team von Videofreaks aufbauen, die das Leben der Gemeinde inklusive Glaubenszeugnissen vom Firmling bis zum Seniorenkaffee ins Internet übertragen, damit man endlich mal eine Antwort auf die Frage bekommt: Warum gibt es euch als Kirche eigentlich? Was ist eure Message?

Mit Unterstützung des Projekts CrossingOver hatte ich die Chance, einige solcher Orte zu besuchen. In vier kurzen Schlaglichtern, die jeweils eine zentrale These aus den Lernerfahrungen der Reise illustrieren, möchte ich von den aus meiner Sicht wichtigsten Erkenntnissen für die pastorale Situation in Deutschland erzählen. Eine ausführlichere Dokumentation der Reise findet sich auf www.storychurch.de.

II. Das Evangelium nach Thomas, Andy, Matthew und Angela

Am Rand des Highways fällt mir zwischen unzähligen Werbetafeln eine auf. Ein älterer Mann, der eine viel zu große Hose vor seinen dünnen Körper hält. Darüber der Satz „Nothing shall be impossible“. Das Plakat stammt von St. Thomas Health, einem der größten Gesundheitsversorger im mittleren Westen der USA. Der katholische Krankenhauskonzern erzählt auf der angeschlossenen Website in verschiedenen Medienformaten individuelle Geschichten über Krankheit und Heilung. Da ist die junge Mutter, die nur knapp einen Schlaganfall überlebte. Oder die Ärztin die entwaffnend offen erzählt, wie er damit umgeht, dass er manchmal nur noch dabei helfen kann, die Schmerzen irgendwie auszuhalten.
Der wiederkehrende Satz „Nothing shall be impossible“ spielt geschickt mit unterschiedlichen biblischen Zitaten (Lk 1,37, Mt 19,26) und schlägt so die Brücke zum katholischen Profil des Sozialdienstes. Jede Einzelgeschichte wird so aber auch zum Teil des gemeinsamen Zieles: Wir wollen alles, was wir können tun, um bestmögliche gesundheitliche Hilfe anzubieten und trotzdem darauf zu vertrauen, dass auch Krankheit und Leid nicht sinnlos bleiben werden.
Auch in der katholischen Kirchenlandschaft Deutschlands gibt es viele historische Beispiele für solche Ansätze identitätsstiftenden Storytellings. Die Wahl von Pfarrpatronen zum Beispiel. So heißen Kirchen in Bergmannssiedlungen bekanntlich relativ häufig St. Barbara. Die Entscheidung brachte gleich alle möglichen Geschichten rund um die Heilige, eine ganz bestimmte Ikonografie und Ästhetik der Kirchengebäude mit sich. Die Hoffnung: Eine bessere, weil kulturell passende Verkündigung des Evangeliums für die dort lebende Bevölkerung.

These: Gemeinden und kirchliche Institutionen nutzen Storytelling zur Identitätsbildung.

„Es ist eigentlich unglaublich, dass wir in den USA so eine riesige christliche Musikszene haben, aber kaum eine christliche Filmszene“. Andy Pisciotti blitzt die Begeisterung aus den Augen. Er arbeitet für die National Community Church in Washington (www.theaterchurch.com). Seine Berufsbezeichnung: Visual Storyteller. „I’m the video guy“, sagt er grinsend. Zusammen mit einem Fotografen und einem Grafiker bildet er das Kreativteam der Kirche. Gemeinsam verantworten sie die Produktion aller audiovisuellen Geschichten. Diese reichen vom Livestreaming der sonntäglichen Predigt über Testimonials von neugetauften Erwachsenen bis hin zur eigenen Produktion von Kurzfilmen. Natürlich machen sie das nicht alleine. Andy legt Wert darauf, dass bei allen Projekten viele Ehrenamtliche mitmachen. Ihre technische Ausstattung ist über die Jahre gewachsen, viele Dinge haben sie sich selbst beigebracht. Ein besonders großes Budget haben sie nicht. Doch damit beeindrucken sie mich. Besonders die Videos der Neugetauften sind starke Glaubenszeugnisse und haben laut Andy schon viele Leute neu auf die Kirche aufmerksam gemacht. Manche Täuflinge erwähnen bei der Anmeldung sogar explizit, dass sie im Netz über die Videos gestolpert sind und dadurch auf die National Community Church aufmerksam wurden. Und welchen Tipp gibt er ambitionierten christlichen Videomachern in Deutschland mit auf den Weg? „Der Grund, warum viele christliche Videos so schlecht sind, ist, weil wir die Message wichtiger nehmen als die Story. Natürlich wollen wir eine Botschaft vermitteln, aber wenn sie schlecht erzählt ist, kommt nichts davon rüber. Jede gute Geschichte braucht Konflikte“.

These: Eine Kirche, die wirklich etwas zu erzählen hat, geht auch auf Sendung.

Sie sehen aus, wie eine Gruppe von Freunden, die ein bisschen um die Häuser zieht. Nur dass die Häuser hoch sind. Sehr hoch. Es sind die Wolkenkratzer Manhattans. Und die rund 10 jungen Menschen sind nicht einfach befreundet. Sie alle tragen Kameras bei sich, bleiben manchmal stehen, fachsimpeln über Blendeneinstellungen und Objektive. Hier ist gerade eine Kreativgilde unterwegs. Genauer: Die Fotografiegilde.

Die Kreativgilden sind ein Projekt der Forefront Church, einer Kirche mit Locations in Brooklyn und Manhattan. Ausgedacht hat sie sich Matthew Kern. Der sympathische Endzwanziger erhielt bei Forefront den Auftrag, Kontakte in New Yorks riesige Kreativszene aufzubauen. „Wir haben einfach gemerkt, dass wir nur dann Menschen mit dem Evangelium erreichen, wenn wir von den Kreativen lernen, wie man heute erzählt.“, erzählt Matthew. Die Kreativgilden sind also weniger ein missionarisches Projekt, sondern eines, durch das die Kirche selber wieder lernt, wie sie ihre eigene Botschaft erzählen kann. Zwischenzeitlich gab es bis zu 8 Gilden bei Forefront. Für Tanz, Songwriting, Schriftstellerei, Fotografie, Grafikdesign, Mode, Architektur und Hacker. In allen Gilden sind zum Teil Leute, die bereits Teil der Forefront Church sind, aber auch Leute, die gar nichts mit ihr zu tun haben. Sie treffen sich in der Regel monatlich, erzählen einander von Projekten an denen sie arbeiten und geben sich Feedback. Manche Gilden, wie die Fotografen, geben sich selbst ein Monatsthema an dem sie arbeiten. Die Struktur der Gilden ist offen, stark ehrenamtlich geprägt und dienen primär der Unterstützung von Kreativschaffenden. Erst an zweiter Stelle profitiert die Kirche von deren Ideen und Talenten, weil dadurch Kontakte entstehen, die eine narrativ orientierte Verkündigung überhaupt erst ermöglichen.

These: Erzähltalente müssen gezielt identifiziert und gefördert werden.

Das Café Moustache empfängt mich mit dem Hinweis, dass ab 19 Uhr der Kneipenbetrieb beginnt und deswegen das W-Lan ausgeschaltet wird. Wohl damit sich die traurigen Bartträger nicht noch länger mit einem Caffé Latte hinter ihrem Macbook verschanzen. Das Moustache ist eine Hipster-Bar wie aus dem Bilderbuch. Heute Abend füllt sich der Raum vor der kleinen Bühne ziemlich schnell: Es ist „Storytelling Night“. Wie jeden Monat steht der Abend unter dem Motto „The seven deadly sins“. Sieben Menschen sprechen jeweils etwa sieben Minuten über eine der sieben Todsünden. Manchmal comedyhaft, manchmal sehr poetisch, aber immer unterhaltsam. Das Publikum applaudiert allen, weil auch die eher lustigen Beiträge sehr ernst gemeint sind. Ich habe lange nicht mehr Menschen so freimütig über ihre kleinen, aber auch großen Sünden reden hören. Über das Scheitern an dem, was man eigentlich als das Gute und Richtige ansieht.
Angela hat die Storytelling Nights über die Todsünden initiiert. Mit Kirche hat die 30jährige nicht mehr viel zu tun. Zu eng und zu konservativ war das religiöse System in ihrer Heimatstadt im mittleren Westen der USA. Aber das bedeute ja nicht, dass sie Fragen nach dem Sinn des Lebens und der Frage, wie man gut leben kann, unwichtig findet, sagt sie. Vielleicht ist sie damit so eine Art säkulare Pastorin geworden, von der meine Kirche etwas Wichtiges lernen könnte: Die richtige Mischung aus Leichtigkeit in der Darstellung und Tiefe in der Aussage als Erfolgsrezept einer narrativen Verkündigung.

These: Gute religiöse Geschichten blenden populäre Kultur mit christlichem Geschichtenkanon

III. Empfehlungen für gutes Storytelling in der Pastoral

Wie sooft bleibt die Frage: Was können wir aus diesen amerikanischen Erfahrungen lernen, wenn wir doch wissen, dass Gesellschaft und Kirche sich auf beiden Seiten des Atlantiks deutlich voneinander unterscheiden? Die Notwendigkeit einer narrativen Verkündigung bleibt aus meiner Sicht dennoch bestehen. Denn auch bei uns wächst der Druck, Auskunft geben zu können, warum man eigentlich Christin oder Christ ist. Und auch kirchliche Gemeinschaften werden in Zukunft nur dann Menschen neu vom Glauben überzeugen zu können, wenn sie attraktiv erzählen können, was sie antreibt und wofür sie stehen. Egal, ob man nun zunächst mit großen, breitenwirksamen Projekten oder wirklich an der Basis der Gemeinden anfangen will – die grundlegenden Baustellen sind dieselben:

1. Wir müssen erzählen, warum es uns gibt, was wir wollen, wer wir sind.

Kirche ist für die meisten Menschen nicht selbstverständlich. Warum gibt es in jedem Stadtteil und jedem Dorf das gesamte Portfolio kirchlicher Einrichtungen? Und was verbindet die miteinander? Es gibt eine Reihe von Tools dafür, die auf allen Ebenen kirchlichen Lebens angewendet werden können. Die Arbeit an mission statements etwa oder die Entwicklung der eigenen „Kerngeschichte“ mit Hilfe der Canvasmethode.

2. Wir müssen Erzähltalente entdecken und fördern.

Eine Kirche, die ihre Storytelling-Qualitäten verbessern will, sollte dringend nach Menschen suchen, die solche Fähigkeiten schon entwickelt haben. PoetrySlammer, Songwriter oder Youtuber zum Beispiel. Auch unter denen gibt es Christen. Aber unsere Standard-Ehrenämter z.B. in der Sakramentenkatechese sind für sie eher nicht geeignet. Charismenorientierte Pastoral ist die Mastervokabel so vieler Strukturpläne in der deutschen Kirche. Aber wo richtet sich Pastoral nach Menschen aus, deren Leidenschaft es ist, Geschichten zu inszenieren, und damit eine grundlegende Kompetenz für die Weitergabe des Glaubens vorhanden ist?

3. Wir müssen verstehen, wie Stories funktionieren.

Egal ob große Kampagne oder Glaubenszeugnisse in kleiner Runde: Wir müssen das Handwerkszeug des Storytelling wieder lernen. Was braucht eine Geschichte, damit die Leute sie hören wollen? Wie findet man Themen? Welche rhetorischen und dramaturgischen Tricks gibt es? Das ist alles kein Geheimwissen sondern normaler Lehrgegenstand z.B. an Medienhochschulen. In der Ausbildung pastoraler Berufe findet so etwas praktisch nicht statt. Obwohl doch hier hauptberufliche Verkünderinnen unterwegs sind. Homiletik darf sich in Zukunft nicht nur auf Traueransprache oder den Schulgottesdienst konzentrieren, obwohl beides wichtig ist und bleibt. Was ist mit der religiösen Rede in anderen Kontexten? Etwa vor der Kamera, auf der Bühne oder an der Kneipentheke?

4. Wir sollten möglichst viele verschiedene Formate ausprobieren.

Wie religiöses Erzählen in der Zukunft funktioniert, lässt sich schwer voraussagen. Eine Annäherung kann wohl nur durch die mittlerweile in pastoralen Gründungsprozessen bewährten Methoden geschehen. Testen mitgeringem Risiko, Prototyping, Korrigieren und Verbessern – und dadurch Herausfinden, welche Stories und Formate zu wem passen. Diese Empfehlung bezieht sich ausdrücklich nicht nur auf Hauptberufliche in der Pastoral. Könnte die Fähigkeit, unterhaltsam vom eigenen Glauben erzählen zu können, nicht eine Grundlage etwa der Firm- oder Ehekatechese werden? Mehr Menschen würden ihre Story erzählen. Und Fr. Robert könnte predigen „about people who found that their story is part of the great story of God and the people“.

 

Dieser Text ist gedruckt erschienen in: Lebendige Seelsorge. Martyria: Neue Chancen und neue Kompetenzen, 5/2016, 339-343.